English text

THE EXTRAS

Szuper Gallery, 2005

Video, 13 mins
DVD installation mit bewegten Vorhängen

zur Zeit in

Shedhalle Zürich, Schauspiel ohne Rampe
2. Kapitel des Ausstellungtsprojektes Spektakel, Lustprinzip oder das Karnevaleske?
Ausstellung: 29. Januar - 27. März 2005


Die EXTRAS:

Eine Reihe von performativen Situationen und begleitenden Texten umschreibt die Erlebnisse von Statisten bei Filmaufnahmen. Die Statisten versuchen die Lage in der sie sich befinden für sich umzudeuten oder auszunutzen. Sie versuchen manchmal selber unbemerkt für ihre eigene Arbeit, Filmaufnahmen zu machen. So wird die Lohnarbeitssituation in der sie sich befinden in Frage gestellt. Michel de Certeau beschreibt in Strategien des Alltags die La Perruque Strategie, bei der ArbeiterInnen oder Angestellte ihre Arbeitssituation ausnutzen um etwas zu produzieren, das nicht dem Arbeitgeber dient. Das bedeutet nicht, dass die ArbeiterInnen stehlen oder einfach abwesend sind, sondern dass sie etwas anderes während der Arbeitszeit produzieren. Normalerweise wird diese Art von Aktivität bestraft oder ignoriert. Aber die ArbeiterInnen, die La Perruque anwenden, stehlen Zeit von der Firma, die frei und kreativ, und nicht auf Profit ausgerichtet ist. Es eine Strategie, bei der die allgemeine Ordnung getäuscht wird. Das heißt ein neues Moment, eine neue Realität oder Erzählung wird in die Institution, der man dient, eingeführt.

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Text/Script Auszug:

1975
Die Extras sind tatsächlich alle im roten Raum angekommen. Es ist 1975. Das Kommitee der Arbeiterpartei ist auch bereits eingetroffen. Noch haben sie ihre Plätze nicht eingenommen. Sie wurden angewiesen erst einmal zu warten, das Podium ist noch nicht aufgeräumt. Die Aschenbecher sind voll, ein rotes Filztuch wird über den langenTisch ausgebreitet. Die Scheinwerfer werden eingerichtet. Ein Mann setzt sich an den langen Tisch. Das Podium ist zu hoch, der Architekt entscheidet das alles noch ein mal umgebaut werden muss. Die Extras warten, trinken Bier. Ein Mädchen zieht einen Funktionär am Bart. Er tritt ihr grob ins Schienbein - Lass das verdammt noch mal-. Wir warten weiter, alle sitzen nun aufgereiht in den langen Stuhlreihen, die Funktionäre und Gewerkschaftvetreter haben ihre Plätze eingenommen. Dicker Zigarrettenrauch steigt inzwischen vom Podium auf. Die Jahresversammlung der Vertreter des Zentralkommitees hat begonnen. Die Extras bekommen leise Anweisungen von hinten. Sie versuchen sich durch die schlecht gestellten Stuhlreihen eine einigermasser gute Sicht auf das Podium zu erhalten. Weichen werden gestellt, Entscheidungen fallen, Tarife werden diskutiert. ‚Es kann nicht angehen das ein Feuerwehrmann weniger verdient als ein Polizeibeamter’. Die Athmosphäre ist angespannt, und die Szene muss zum fünften Mal wiederholt werden. ‚Hören sie zu, was vorne gesprochen wird!’ In der vorletzten Reihe beugt sich ein Mann zu der vor ihm sitzenden Frau. Er hebt ihre dunkle Bluse langsam nach oben, schiebt seine Hand unter ihr Hemd, berührt ihre Brust. Wir in der letzten Reihe bemühen uns nicht aufzufallen. Wir versuchen trotzdem die Szene schnell mit unserer Kamera, die wir bis jetzt in einer Aktentasche verborgen hatten, aufzunehmen.

TV Intervention, undatiert
Eine Bühnenszene. Auftritt des obersten Funktionärs, er ist betrunken und fällt von der Bühne.
Auf dem provisorisch erichteten Podium haben sich einige Abgeordnete eingefunden. Die beleibten Männer in dunklen Anzügen stehen um das Mikrophon herum, bis sich schliesslich ein dicklicher Mann mit Halbglatze und einem grossen Muttermal auf der Stirn ächzend nach vorne drängt, eher geschoben wird. Er schwankt bedrohlich. Zwei Sicherheitskräfte versuchen ihn zu stützen. Die Menge drängt sich näher und näher. ‚Genossen, Brüder!’, grölt er auf einmal , und die Stimme kippt gefährlich nach oben ab. Die dicken Männer in Anzügen sehen sich verstohlen an. Der Mann mit der Halbglatze und dem Muttermal macht wieder einen gefährlichen Marschschritt nach vorn. Die Sicherheitskräfte halten ihn jedoch im Zaum. Stimmen werden lauter. Plötzlich lässt sich der Mann mit dem Muttermal nach vorne fallen und kippt einfach in die Menge um. Die anderen sehen zu und es scheint alles in Zeitlupe abzulaufen. Er war vom Podium gefallen. Wir dachten daran, wie die ersten Kosmonauten auf die Erde zurückkehrten, wir verfolgten sie im Fernsehen, alle bekamen einen Heldenorden.

1972
Die Extras versammeln sich hinter einem Vorsprung. Die Anweisung lautet, sich leise hin und her zu bewegen. Der Mauervorsprung war gerade so gross, das sich die Körper verbergen liessen und die Köpfe seitlich heraushängen konnten. Die Mauern sind Ziegelfarben, geschichtet, von weitem mit einer Stahlrohrkonstruktion gehalten. Dahinter leere Styroporbecher mit Kaffeeresten und Zigarettenkippen. Die Extras müssen sich geduckt halten. Hinter dem Vorspung liegt Petra von Kant mit ihrer Geliebten auf einem rustikalen Bett. Warten. Weiter. Wiederholung. Die Extras sollen weiter in ihrer Position verharren, die Geliebte sagt: ‚Wir müssen unbedingt versuchen den Krieg zu verhindern, wenn ich bloss wüsste wie. Den Amerikanern geht es nur um das Öl. Wir werden von einer Öllobby regiert. Ich habe versucht an allen Demonstration in der Stadt zu teilzunehmen, aber ich schaffe es zeitlich nicht mehr. Ich fühle mich zu schwach, um selber etwas in die Wege zu leiten, etwas zu organisieren, hier und jetzt’. Petra von Kant flicht ihr währenddessen einen Zopf, so wie es der Aufnahmeleiter angeordnet hatte. ‚Ich halte das alles nicht mehr aus’, sagt die Geliebte. Der Aufnahmeleiter löscht die Aufnahmen noch einmal von der digitalen Kamera, lass uns den Cine Film nehmen. Wir filmen das Bild direkt vom Monitor ab. Die Extras müssen weiter in der Ecke verharren. Währenddessen schiebt sich Petra von Kant langsam aus dem Bett heraus. Wir versuchen das kurze unkontrollierte Lächeln einzufangen, das über ihr Gesicht huscht.

 

Die 'Extras' sind:
Sandra Kulbach, Edina Cehajic, Christoph Clausen, Selma Danyluk, Claudia Jakobec, Monika Jäger, Pawlik Kerestey, Olenka Martchenko, Zorian Martchenko, Ollie Purcell, Bettina Spangler

Stimme: Monika Jäger
Musik und Ton: Szuper Gallery

co-produziert von Shedhalle Zürich, 2005

 

© SZUPER GALLERY: Susanne Clausen und Pavlo Kerestey, 2005

Dank an

Shedhalle Zurich, Katharins Schlieben, Sönke Gau, Lisa Mazza, Sandra Kulbach, Edina Cehajic, Christoph Clausen, Selma Danyluk, Claudia Jakobec, Monika Jäger, Pawlik Kerestey, Olenka Martchenko, Zorian Martchenko, Ollie Purcell, Bettina Spangler, Baureferat der Landeshauptstadt München, Ursula und Dieter Clausen, Marta und Michailo Kerestey.